Monetative: Geldschöpfung durch vierte Gewalt statt Privatbanken?

Interview mit Klaus Karwat, Vorstand des Vereins Monetative e.V.

Im Februar sorgte ein Referent des Vereins in unserem Leserkreis für kontroverse Diskussionen über Geldschöpfung. Das Interview fasst die Idee der Monetative noch einmal zusammen.

Zehn Jahre Lehman-Pleite und jeder weiß: Die Finanzkrise ist nicht überwunden. Viele Initiativen kämpfen darum für grundlegende Wirtschaftsreformen. So auch der Verein Monetative e.V., der sich für eine neue Geldordnung einsetzt: Die Geldschöpfung durch Privatbanken soll abgeschafft und das Geldsystem auf sog. Vollgeld umgestellt werden. Aber sind Politik und Medien überhaupt an Reformvorschlägen interessiert? Stellen sie die richtigen Fragen? 

Von Ulrike Sumfleth

Herr Karwat, was ist Vollgeld und warum engagieren Sie sich dafür?

Vollgeld bedeutet, dass Geld nur von einer öffentlichen Stelle geschaffen werden kann, nicht mehr aber von privaten Banken, so wie das heute der Fall ist. Dies ist für mich die Voraussetzung für eine faire Wirtschaftsordnung, bei der kein Privater auf das Privileg der Geldschöpfung zurückgreifen kann. Denn wer selbst Geld erzeugen kann, ist den anderen Konkurrenten und auch dem Staat immer voraus. Dies schafft Ungerechtigkeiten und eine soziale Schieflage der Gesellschaft.

Der Ruf lautet meistens nach mehr staatlicher Regulierung und einer Finanztransaktionssteuer. Wäre das nicht ausreichend, um den Finanzmarkt zu stabilisieren?

Die Regulierung muss unbedingt an der richtigen Stelle ansetzen: Schon beim Entstehen des Geldes ist eine präzise „Quellfassung“ für Geld notwendig. Sprudelt Geld unkoordiniert aus vielen privaten Quellen, ist eine spätere Regulierung fast unmöglich oder nur mit einem riesigen bürokratischen Aufwand durchzuführen. Dies schadet gerade den kleineren Banken, die das dafür nötige Personal nicht haben, die wir aber unbedingt erhalten wollen.

Welche Rolle spielen die marktbeherrschenden Medien bei der Vermittlung von wirtschaftspolitischen Konzepten an die BürgerInnen? Sind Politiker und Medienmacher überhaupt an Kritik, Reformvorschlägen und Alternativen interessiert? Stellen sie die richtigen Fragen? Was erleben Sie in Ihrem Verein?

Die großen Medien vernachlässigen bisher die Frage, wie Geld überhaupt entsteht. Da sind sie sich oft mit den etablierten Politikern einig, die das auch nicht hinterfragen. Da kann man dann so oft schreiben und so viel reden wie man will – man stößt auf taube Ohren. Aber es gibt schon Ausnahmen, die hoffentlich in Zukunft häufiger werden: Zum Beispiel hat die ARD einen sehr gut gemachten Beitrag über Vollgeld gesendet, „Die große Geldflut“ von Hanspeter Michel.

Berichten die „Leitmedien“ allgemein zu wenig über alternative Lösungsideen? Und wenn ja, woran liegt’s? Ist das eine „Systemfrage“, oder machen die Initiativen etwa alle schlechte Pressearbeit?

Es braucht immer einen speziellen Anlass, über alternative Ideen zu berichten. Ein solcher Anlass könnte jetzt die Schweizer Volksabstimmung über Vollgeld im Juni 2018 sein. Aber unsere Pressearbeit muss sicherlich auch noch verbessert werden, keine Frage. Aber wir sind halt mit 150 Mitgliedern erst eine relativ kleine Organisation mit einem überschaubaren Etat.

Wie realistisch ist Ihr Ziel, eine Entmachtung der Privatbanken in die Realität umzusetzen? Wer sind die Player in diesem Bereich, und wer könnte Sie dabei unterstützen?

Große Privatbanken haben einen riesigen Etat für Presse- und Lobbyarbeit, und damit können sie natürlich die „Leitmedien“ und Politiker intensiv bearbeiten und so versuchen, das Privileg der Geldschöpfung zu verteidigen. Das erklärt vielleicht auch, warum wir in der Politik bisher wenig Resonanz finden.

Aber es gibt eine ganze Reihe von kleineren privaten und öffentlichen Banken, die sich ausdrücklich hin zur Realwirtschaft orientieren: zum Beispiel Raiffeisenbanken und kommunale Sparkassen, die 2/3 der Bankgeschäfte in Deutschland tätigen. Für sie hätte die Vollgeldreform positive Auswirkungen: Weniger Detail-Regulierung, Verhinderung von hochspekulativen Projekten, mehr Stabilität im Bankensektor. Diese Banken müssen wir zumindest zum Teil als Unterstützer gewinnen.

Die Monetative ist nicht allein, sondern Teil einer internationalen Bewegung, der internationalmonetaryreform.org. Was erleben Ihre Partnerorganisationen in den anderen Ländern?

In anderen Ländern wird teilweise schon fundierter diskutiert, zum Beispiel in England, Island oder Schweden. Nicht umsonst sind das die Länder, die noch über eine eigene Währung verfügen. In der Schweiz gibt es am 10. Juni eine Volksabstimmung über Vollgeld. Da ist zu erwarten, dass die Debatte auch auf Deutschland übergreift. Im Euroraum scheint die Diskussion in den Niederlanden am intensivsten, und in Spanien tritt der frühere Chef der Zentralbank schon offen für Vollgeld ein.

Wo liegen die Schwächen Ihrer Idee? Oder auch Risiken?

Ein Risiko liegt in der veränderten Position der Zentralbank. Bisher erzeugen ja Banken bei jedem Kredit und bei jedem Investment selbst neues Geld. Das macht im Vollgeldsystem nur noch die Zentralbank.

Auch heute hat die Zentralbank schon eine sehr große Macht, allerdings sehr ungenau definiert. Denn die Zuständigkeit für die Geldschöpfung wurde ihr von den Banken genommen, sie kann nur noch indirekt einwirken. Das schafft Unsicherheit, ob sie ihren Zuständigkeitsbereich mit ihren Aktionen überschreitet.

„Vertreter aus verschiedenen Bereichen
der Gesellschaft sollten in Gremien
der Zentralbank einziehen”

 

Zukünftig wäre die Zentralbank allein für die Schaffung neuen Geldes zuständig. Diese Macht muss durch eine genaue gesetzliche Aufgabendefinition und konsequente Gewaltenteilung beschränkt werden: Das Geld würde von der Zentralbank erzeugt, die Verwendung dieses öffentlichen Geldes würde aber größtenteils über öffentliche Haushalte beschlossen. Dies unterliegt der demokratischen Kontrolle.

Auch eine bessere Beteiligung von Bürgern wäre sinnvoll: So sollten Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft in Gremien der Zentralbank einziehen. So würde die Zentralbank zur „Vierten Gewalt“, zur Monetative weiterentwickelt. 

Beim Thema Geld blicken Normalsterbliche kaum durch. Wo oder wie kann man sich auch als Nicht-Ökonom gut informieren?

Eine gute Informationsquelle ist die Deutsche Bundesbank: Sie hat gutes Material und antwortet auch zeitnah auf Fragen, die man ihr stellt. Im Rahmen unserer Kapazitäten sind natürlich auch wir gerne bereit, Informationen zu geben. Auch kommen wir auf Einladung gerne, um Vorträge über das Thema Vollgeldreform zu halten.

Das ist ja mal ein Angebot. Vielen Dank für das Gespräch!

Hinweis:

Am 13./14. April fand in Berlin ein Vollgeld-Wochenende statt. Themen waren  Austausch und Vernetzung, inhaltliche Diskussionen und die Entwicklung von Kampagnen und Projekten.